Wilderei (Teil 2): Zur Geschichte gehört ein Kampf gegen Obrigkeit
Wilderer waren fast immer gleichermaßen skrupellos gegenüber Mensch und Tier. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn ihre Taten aus einem Widerstand gegen die Obrigkeiten entstanden sind

Ursprünglich durfte jedermann jagen. Dieses Recht war auch bis weit ins Mittelalter unstrittig. So konnte jeder Freie, in erster Linie die Bauern, auf die Pirsch gehen, um seinen Viehbestand oder seinen Grund vor Wildschaden zu schützen oder um sich Wildbret als Nahrung zu verschaffen. Allerdings wurde dieses Recht mit der immer weiter steigenden Abhängigkeit der Bauern von ihren Landesherren sowie der steigenden Inbesitznahme von freien Ländereien durch den Adel zunehmend ausgehöhlt.
Als der Adel dann noch begann, das Waidwerk als eine sportliche Herausforderung und als vergnüglichen Zeitvertreib zu verstehen, wurde den Bürgern schließlich das Jagdrecht entzogen. Verstöße standen fortan unter Strafe. Zugleich nahmen Ernteschäden durch Wildverbiss zu. Es kam sogar zu ganzen Ernteausfällen, verursacht durch Flurschäden adliger Jagdgesellschaften, die rücksichtslos und ohne Anspruch auf Entschädigung für die Betroffenen über die Felder stürmten. Die Empörung im einfachen Volk wuchs mit den Schäden.
Schwarzgeher zogen im Dunkeln los
Den Schutz, die Pflege sowie die Überwachung der Jagdreviere übertrugen die Landesherren an Forstbeamte oder andere legitimierte Personen. Alle anderen Jäger waren dadurch illegal geworden und wurden fortan je nach Region Wilderer, Wildschütz oder Schwarzgeher genannt. Die letzte Bezeichnung zielt darauf ab, dass die Täter sich das Gesicht schwärzten und im Dunklen loszogen. Heute ist das längst nicht mehr üblich. Viel eher wird versucht, mit Restlichtverstärkern oder Nachtzielgeräten und Schalldämpfern aus dem Autofenster heraus illegal Beute zu machen.
Auch in Österreich reicht die Geschichte der Wilderei etliche Jahrhunderte zurück. Besonders in den Alpenregionen und dem Salzkammergut entwickelte sich eine ausgeprägte, oft romantisierte Wildererkultur. Bekannte Fälle sind in jüngerer Vergangenheit der Tod von Pius Walder im Jahr 1982 und die sogenannte Wildererschlacht von Molln am 14. März 1919. Vor dem Hintergrund des allgemeinen Hungers als Folge des Ersten Weltkrieges wurden am Bahnhof von Grünburg einige verhaftete Wilderer – unblutig, aber mit Gewalt – aus den Händen der Gendamerie befreit. Am Abend desselben Tages kamen in einem Mollner Gasthof bei dem Versuch der Gendarmerie, Wilderer festzunehmen, drei unbewaffnete Wilderer und ein Gendarm ums Leben. Ein weiterer Wilderer wurde in seinem Haus beim Versuch der Festnahme mit dem Bajonett erstochen.
Museen dokumentieren Kitsch und Klischees
Das Wilderer Museum Molln spricht von einer „regionalen Tragödie“ und einem Wildererdrama. Es hat die Ereignisse aufbereitet und in seine Präsentation der Geschichte der Wilderei vom Mittelalter bis heute integriert. Das Museum übernahm 2022 die Bestände des aufgelösten Wilderermuseums St. Pankraz, das auch die kitschige Wildererromantik, die in Heimatfilmen, Romanen und Liedern vermittelt wird, dokumentiert hat. Thematisch gleich gibt es in Deutschland die Wilderermuseen im thüringischen Gehlberg und in Schmiedefeld am Rennsteig.
Vor allem in Österreich und Bayern wird zwischen Wilderer und Wildschütz unterschieden. Der vermeintlich „waidgerechte“ Kugelwilderer wird dort als Wildschütz bezeichnet und nicht als Wilderer. In diesem Zusammenhang meint Waidgerechtigkeit, dass die Schonzeiten beachtet und auch keine führenden Muttertiere erlegt werden. Den Tätern wurde oft eine unstillbare Jagdleidenschaft nachgesagt, um ihr Verhalten im öffentlichen Ansehen zu entschuldigen. Diese Verklärung findet sich bis in die Heimatfilme der 1950er-Jahre.
Selbst als im März vergangenen Jahres Felix Laubhuber im Alter von 87 Jahren starb, war die mediale Berichterstattung sehr ambivalent. In der Süddeutschen Zeitung hieß es, den Verstorbenen bei seinem Spitznamen nennend: „Und das mit der Romantik ist eh endgültig vorbei – jetzt, wo der Fex tot ist, der für viele Menschen im Chiemgau der mutmaßlich letzte ‚König der Wilderer‘ gewesen ist.“
„Waidgerechte“ Wilderer sind absolute Ausnahmen
Die Ausnahmen der waidgerechten Wildschützen mag es gegeben haben. Der Regelfall jedoch waren die Schlingensteller und Aasjäger, in deren Tradition auch die heutigen Wilddiebe stehen, die es meistens auf die Trophäe abgesehen haben. Denn bis in die Gegenwart hat sich nichts daran geändert, dass sie sich nicht um das manchmal tagelange Leiden der in der Schlinge gefangenen Kreatur kümmern. Wenn sie Waffen benutzen, dann häufig unzulängliche Kleinkalibergewehre, damit der Schussknall nicht so weit zu hören ist. Und aus Angst vor Entdeckung wird auch das krank geschossen flüchtende Wild nicht nachgesucht.
Aber auch der angeblich waidgerechte Wilderer zeigte oft sein wahres Gesicht als schlichter Krimineller, wenn er gestellt wurde. Von der Skrupellosigkeit, die auch vor Mord nicht zurückschreckt, zeugen die Gräber zahlreicher erschossener Förster und Jagdaufseher. Bis in die jüngste Zeit hat sich daran nichts grundsätzlich geändert, wie 2022 die Ermordung zweier Polizisten im rheinland-pfälzischen Landkreis Kusel belegte. Zwei Männer gaben bei einer Verkehrskontrolle die tödlichen Schüsse auf die Beamten ab, um nicht als gewerbliche Wilderer entdeckt zu werden. Der Haupttäter wurde wegen Mordes verurteilt, der geständige Kronzeuge nur wegen Beihilfe zur Wilderei.
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