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Rebhuhn: Vogel des Jahres ist im Sinkflug

  • vor 3 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Die Balz ist weitgehend gelaufen. Bald beginnen die Hennen mit der Eiablage. Es gilt zwar als Charaktervogel unserer offenen Feldflur. Doch das Vorkommen ist in Deutschland trotz aller Hegebemühungen seit langem im stetigen Sinkflug


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Die Henne beginnt mit dem eigentlichen Brutgeschäft erst, wenn das durchschnittlich zehn bis 20 Eier umfassende Gelege komplett ist. Bis zu zwei Dutzend Eiern, die im Abstand von bis zu zwei Tagen gelegt werden, können es pro Nest werden. Doch die auf den ersten Blick groß erscheinende Zahl kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es bundesweit immer weniger Rebhühner gibt. Denn auch wenn sie in weiten Teilen Europas und Asiens Standvögel sind und das gesamte Vorkommen auf bis zu zehn Millionen Exemplare geschätzt wird, leben bei uns nach Schätzung der Deutschen Wildtier Stiftung nur noch etwa 50.000 Brutpaare. In Hessen wird der Bestand auf 5.000 bis 10.000 Brutpaare geschätzt, eine Abnahme des Bestandes um 50 Prozent in 25 Jahren. In Sachsen ging der Bestand in den zehn Jahren von 1995 bis 2005 um annähernd 90 Prozent zurück. Das Rebhuhn steht wegen dieser Entwicklung in Deutschland als „stark gefährdet“ auf der roten Liste. Das war lange Zeit ganz anders.


Drei-Felder-Wirtschaft war der ideale Lebensraum


Zunächst waren Steppen und Heidegebiete die ursprünglichen Lebensräume des Rebhuhns, das schneearme Lagen unterhalb von 600 Metern bevorzugt. Als der Mensch die Wälder rodete und ganze Landschaften kultivierte, entstanden klein-parzellierte Felder, gesäumt von unkrautreichen Feldrainen, Wegrändern und Altgrasstreifen. Deckung und Schutz vor Witterung und Feinden bot auch der Anbau von Kartoffeln und Rüben, in denen früher noch viele Insekten lebten, die die reinen Bodenbrüter als Eiweißquelle für ihre Jungenaufzucht benötigen. Diese von der Drei-Felder-Wirtschaft geprägte Kulturlandschaft war für das Rebhuhn wie für alle anderen Kulturfolger ein idealer Lebensraum. Noch vor 70 Jahren war ein Acker meistens nur wenige 1.000 Quadratmeter groß und der Anbau von verschiedenen Feldfrüchten wie Kartoffeln, Zuckerrüben, Weizen, Gerste, Futterklee und Mais wechselte sich in der Landschaft ab mit Brachen.


Unter solchen optimalen Bedingungen betrug die Siedlungsdichte bis zu 120 Paare auf 100 Hektar. Die IUCN (International Union for Conservation of Nature), das weltweit größte Netzwerk für Naturschutz, stuft den weltweiten Bestand auch heute noch als gesichert ein. In Europa aber ist er stark gefährdet. Denn seit den 1970er Jahren sinkt er kontinuierlich, allein von 1980 bis 2016 um 94 Prozent. In manchen Gegenden ist das Rebhuhn längst ausgestorben. Es droht der flächendeckende Absturz.


Flurbereinigte Agrarwirtschaft löst intakte Lebensräume ab


Die Gründe sind mannigfaltig. Wesentlich ist die Zerstörung intakter Lebensräume durch die Umwandlung der Agrarlandschaft in flurbereinigte und dann intensiv mit Großmaschinen bewirtschaftete Flächen. Da gibt es Regionen, in denen ein einziges Feld mehr als 100 Hektar groß sein kann, also eine Million Quadratmeter, auf denen sich gerade mal noch ein Brutpaar findet. Auf diesen riesigen Feldschlägen ist mittlerweile auch die Vielfalt der angebauten Feldfrüchte sehr gering. Oft wird neben Weizen nur noch Raps und Mais angebaut und die Äcker werden stark mit Pestiziden behandelt, sodass sich immer weniger Insekten finden.


Hat das Rebhuhn unter diesen Bedingungen schon kaum eine Überlebenschance, so kommt eine hohe Sterblichkeitsrate in kalten Wintern und nasskalten Frühjahren hinzu. Besonders Jungvögel sterben bei Dauerregen und damit einhergehender Unterkühlung. Hinzu kommen dann noch die Verluste durch Fressfeinde wie Greifvögel, Fuchs und Marder. Altvögel und Gelege werden aber auch Opfer von Raben und Krähen, Igeln, Wildschweinen, Waschbären, Wanderratten und Dachsen. Dass die zeitaufwändige Fallenjagd auf Prädatoren immer weniger ausgeübt wird, tut ein Übriges dazu.


Das Rebhuhn kann als Kurzstreckenflieger und Laufvogel ihnen kaum entkommen und vermeidet deshalb Feindkontakt durch Tarnung. Das überwiegend braungraue Gefieder macht ein Rebhuhn auf der Ackerkrume fast unsichtbar. Bei Gefahr drückt es sich flach auf den Boden, um nicht entdeckt zu werden. Erst im letzten Moment fliegt das Rebhuhn auf und versucht, die nächste Deckung zu erreichen. Dabei ist der Flug niedrig über dem Boden und enthält stets längere Gleitphasen.


Hegebemühungen der Jägerschaft


Als Jagdbeute spielt das Rebhuhn in Deutschland nahezu keine Rolle mehr. Bereits vor zehn Jahren war die Strecke auf rund 2500 Stück gesunken, die dann auch noch überwiegend Fallwild waren. Nur wenn ein Mindestbestand durch Zählung nachgewiesen ist, dürfen die Hühnervögel überhaupt bejagt werden. Forderungen, sie aus dem Jagdrecht zu entlassen, verkennen, dass damit auch die Pflicht zur Hege durch die Jägerschaft entfiele. So aber gab und gibt es immer wieder Anstrengungen von Revierinhabern, etwa im Emsland und der Grafschaft Bentheim, durch Biotopverbesserungen dem Rebhuhn unter die Schwingen zu greifen. Schutz- und Wiederansiedlungsprojekte der Jägerschaft sind bekannt aus Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Thüringen.


Wo Rebhühner noch in nennenswerter Zahl vorkommen, ist es ein besonderes Naturerlebnis, den Revierruf des Männchens im Spätwinter und im Frühjahr zu hören und beide Geschlechter im Prachtkleid der Balz zu sehen. Die Hähne rufen vor allem morgens und abends und sind auch noch nach Einbruch der Dunkelheit zu hören. Die Eiablage erfolgt ab Mitte April und nach einer Brutzeit von etwa 25 Tagen schlüpfen die Küken, die nach zwei Wochen fliegen können und einen guten Monat später selbstständig sind. Im Hochsommer kann man mit etwas Glück beobachten, wie die Nestflüchter den beiden Altvögeln über den Stoppelacker folgen. Jäger nennen eine solche Rebhuhnfamilie eine „Kette“ und sprechen von einem „Volk“, wenn sich im Winter mehrere Familien zusammenschließen.


Rebhühner brüten nur einmal im Jahr, wenn das erste Gelege nicht frühzeitig zerstört wurde. Schon eine Zuwachsrate von drei Vögeln pro Brutpaar gilt als überdurchschnittlich. Rechnet man die Winterverluste von bis zu einem Drittel hinzu, wird klar, dass es auch bei jagdlicher Vollschonung einen beständigen Schwund gibt. Allenfalls in außergewöhnlich guten Aufzuchtjahren kommt es zu einer kurzfristige Bestandserholung. Zu ihr beizutragen bemühen sich dann die Jungvögel, die über den Winter im Familienverband bleiben, wenn sie sich im folgenden Frühjahr in der näheren Umgebung ansiedeln, um ihre eigene „Kette“ zu gründen.

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