Heute im Blog: Ökobilanz mit Licht und Schatten
- vor 24 Stunden
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Die Deutschen kaufen gern Ökoprodukte. Besonders dann, wenn diese sogar aus der Heimat kommen. Doch das hat auch seine Schattenseiten

Die Spreewaldgurken sind auch bei deutschen Verbrauchern der Renner – am liebsten mit dem heimischen Ökozeichen auf dem Etikett. Auch Äpfel aus Sachsen und Wurst aus Sachsen-Anhalt aus heimischer Ökoproduktion werden gern gekauft, solange der Preis stimmt. Trotzdem sinkt gerade in einigen östlichen Bundesländern die Zahl der Betriebe, auch die Anbaufläche, die nach strengen (und teureren) Ökostandards beackert wird, wird dort kleiner. Die Gründe dafür sind vielfältig, die Entwicklung ist nicht einheitlich.
Nach Angaben des zuständigen Landwirtschaftsministeriums in Magdeburg ist die ökologisch bewirtschaftete Fläche in Sachsen-Anhalt in den vergangenen zwei Jahren um mehr als 8800 Hektar zurückgegangen. 2024 wurden in dem Bundesland noch rund 112.200 Hektar ökologisch bewirtschaftet, ein Anteil von knapp zehn Prozent an der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche. Dies ist – für Laien gesprochen – ein Rückgang der Fläche in einer Größenordnung von knapp 9000 Fußballfeldern. Auch die Zahl der Betriebe, die nach ökologisch teuren Methoden ihre landwirtschaftliche Produktion ausrichten und betreiben, ist nach den Zahlen des Ministeriums gesunken: von 1050 auf jetzt 944.
Betriebe brauchen gute Preise
Der Landwirtschaftsverband Sachsen-Anhalt betrachtet die Entwicklung des Ökolandbaus seit 2020 differenziert. Man müsse neben veränderten politischen Vorgaben, die einen kleinen Ökoboom in Sachsen-Anhalt ausgelöst haben – bis 2021 war das Landwirtschaftsministerium in Magdeburg in grüner Hand – auch die Entwicklung auf dem allgemeinen landwirtschaftlichen Markt betrachten. „Wir sehen durch wachsende Konkurrenz gerade durch Importe aus Südamerika einen erheblichen Druck auf die Preise in dem Segment“, erklärte ein Sprecher des Landwirtschaftsverbandes.
Über weitere Gründe wird in der Branche und der Politik nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen: Die Einhaltung und Überwachung von Bio- bzw. Ökozertifikaten ist nämlich in vielen Regionen der Welt jedoch nicht mit deutschen Standards zu vergleichen, zugleich sind Korruption und Verkäufe von Ökosiegeln gerade in Afrika und Mittelamerika nicht selten. Ein weiterer Punkt: Der Lebensmitteleinzelhandel diktiert auch auf dem Ökomarkt gegenüber den Betrieben und Erzeugern die Preise nach sehr harten Maßstäben. Zudem seien gerade in Sachsen-Anhalt die Statistiken für die Jahre 2019 bis 2021 durch erhebliche Förderanreize geprägt gewesen.
Aktuell ist wieder Normalität eingekehrt: Landwirtschaftliche Betriebe schauen nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern deutschlandweit, ob sich mit Ökoprodukten verlässliche Erlöse erzielen ließen und stabile Absatzwege vorhanden seien. Sonst stellt man den Betrieb wieder um – oder gibt ganz auf.
Thüringen holt auf
Anders dagegen die Lage im benachbarten Thüringen: Laut einer Marktanalyse zum Biomarkt ist dort die Fläche für hiesigen Ökolandbau von rund 32.600 Hektar im Jahr 2015 auf etwa 64.400 Hektar im Jahr 2024 vergrößert worden. Im Vergleich zu Sachsen-Anhalt oder anderen Bundesländern liegt Thüringen im hinteren Mittelfeld: Während bundesweit 11,5 Prozent der Fläche als „Bioland“ gilt, sind es in Thüringen 8,23 Prozent. „In unserem Bundesland hat sich der Ökolandbau dennoch strukturell etabliert“, sagte Landwirtschaftsministerin Colette Boos-John (CDU) unlängst bei der Vorstellung der Studie, die das Ministerium selbst in Auftrag gegeben hat. In Thüringen gibt es den Angaben zufolge derzeit mehr als 500 Ökolandbaubetriebe, das sind 15 Prozent der Agrarbetriebe. Damit liegt das Land über dem Bundesdurchschnitt.
Produktionskette steht nicht
Dennoch gibt es auch dort Probleme: Gerade in Thüringen fehlen wichtige Weiterverarbeitungsbetriebe, die die Lieferkette von der heimischen Rohstoffgewinnung über die Veredelung bis hin zum Verkauf gewähren können. Das gilt für die Bereiche Verarbeitung, Lagerung und Vermarktung der Bioerzeugnisse: Konsequenz: Ein sehr großer Anteil der in Thüringen gewonnenen Ökorohstoffe kann nicht vor Ort weiterverarbeitet werden, sondern muss zur Veredelung in andere Länder geschickt werden. Dies verschlechtert nicht nur die Klimabilanz, sondern schlägt sich durch dezentrale Weiterverarbeitung auch auf die Preise nieder.
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