Heute im Blog: Naturprojekt mit Jägern und Landwirten übertrifft alle Erwartungen
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Aktualisiert: vor 12 Stunden
Kreisjägerschaft, Landwirtschaft und Naturschutz schaffen gemeinsam strukturreiche Lebensräume. Das Erfolgsrezept: praxisnahe Beratung, Strukturbrücken und wirtschaftlicher Mehrwert für Landwirte

Als Johannes Laurenz, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Unna, im Mai 2025 das Projekt „UNsere NAtur im Kreis Unna" initiierte, plante er bescheiden: 10 Hektar Maßnahmenflächen sollten im ersten Jahr entstehen. Doch die Resonanz übertraf alle Erwartungen. „Der Run war von Anfang an schon so groß, dass wir jetzt 42 Hektar insgesamt projektiert oder zumindest in Planung gebracht haben“, berichtet Laurenz jetzt. Ein Erfolg, der zeigt: Wenn Jägerschaft, Landwirtschaft und Naturschutz an einem Strang ziehen, entsteht wirksamer Artenschutz in der Kulturlandschaft. Das Ganze wäre nicht so gelungen, wenn Laurenz nicht die Unterstützung engagierter Mitstreiter aus dem Vorstand und der Hegeringe gehabt hätte. Von der Idee bis zur Durchführung jeder einzelnen Maßnahme haben viele mit angepackt. „Ohne Teamarbeit geht so etwas nicht.“
Die Ausgangslage ist ernüchternd. Durch die intensive Nutzung der Kulturlandschaft gehen vielfältige und kleinteilige Strukturen zunehmend verloren. Rebhuhn, Fasan, Kiebitz und Feldhase finden immer weniger geeignete Lebensräume. Besonders dramatisch zeigt sich dies bei der Kükenaufzucht: Rebhuhn und Fasan führen ihren Nachwuchs instinktiv mittig in die Getreidebestände. Doch dort fehlt es an Insekten als Nahrungsgrundlage. Die Folge sind große Kükenverluste und kleine Gesperre oder Ketten. So werden die Fasanen- oder Rebhuhn-Jungvögel in den Revieren genannt. Hinzu kommt der wachsende Druck durch Beutegreifer. Neben heimischen Arten gefährden zunehmend auch eingewanderte Spezies wie Waschbär oder Marderhund die am Boden brütenden Feldvögel und Junghasen. Ohne ausreichende Deckung haben die Tiere kaum eine Chance.
Strukturbrücken bringen die Maßnahmen zu den Wildarten
Hier setzt das Projekt der Kreisjägerschaft Unna in Zusammenarbeit mit der Stiftung Westfälische Kulturlandschaft an. Sie führt Naturschutz und Landwirtschaft zusammen. Das Konzept ist so einfach wie wirkungsvoll: Mit sogenannten Strukturbrücken werden große Ackerschläge durch Blühstreifen und Blühflächen aufgelockert und strukturiert. Die Streifen werden bereits im Spätsommer mit dem Getreide gesät, verbleiben jedoch nach der Ernte des umgebenden Getreides auf der Fläche und überwintern mit einer Zwischenfrucht bis zum übernächsten Jahr.
Für die Ansaat wird spezielles Saatgut aus heimischen Wildkräutern verwendet, das eine breite Standortanpassung aufweist und somit für die im Kreisgebiet vorkommenden Ackerstandorte geeignet ist. Wenn die Blühstreifen und Blühflächen sich gut etabliert haben, können diese auf mehrere Jahre – aktuell bis zu vier Jahre – bestehen bleiben.
Die Folgepflege orientiert sich an der Lage und Funktion im landschaftsökologischen Kontext. Übergreifendes Ziel ist bei jeder Flächenausprägung, stets einen unberührten Altkrautbestand in einer Breite von etwa 20 Metern über den Winter zu erhalten. Dieser bietet ausreichend Schutz für Insekten und senkt auch das Risiko, dass brütende Vögel durch Fressfeinde im nächsten Frühjahr gefressen werden.
Zahlreiche heimische Insektenarten sowie Fasan, Rebhuhn, Kiebitz, Wachtel, Feldhase oder Rotmilan finden in diesen Flächen ganzjährig Nahrung, Deckung und Schutz. Das Konzept geht buchstäblich zu den Wildarten hin, statt zu erwarten, dass diese sich anpassen.
Landwirte als Partner, nicht als Gegner
Eine Besonderheit des Projekts liegt in der engen Einbindung der Landwirte. „Die Interessen des landwirtschaftlichen Betriebs werden mitgedacht und eine aktive Mitsprache von den Landwirten eingefordert", betont die Projektbeschreibung. Nach der ersten Projektphase wird gemeinsam entschieden, wie es mit der Maßnahme weitergeht. Die Erfahrung zeigt: Über 90 Prozent der Betriebe sind bereit, die Maßnahmen weiterzuführen.
Der Grund für diese hohe Akzeptanz liegt auch im wirtschaftlichen Aspekt. Johannes Laurenz erklärt: „Kern der ganzen Geschichte ist ja, dass wir irgendwann mal dann dieses Projekt als solches auslaufen lassen wollen. Aber dann haben wir einfach die Landwirte so sensibilisiert, dass man mit Agrarumweltmaßnahmen viel für die Biodiversität tun, aber auch Geld verdienen kann.“ Gerade in Zeiten, in denen die Landwirtschaft wirtschaftlich unter Druck gerät, sind viele der Agrarumweltmaßnahmen lukrativ und zu empfehlen. Das Ziel ist es, die projekteigenen Flächen nach erfolgreicher Etablierung in eine Förderung des Vertragsnaturschutzes oder anderer Agrarumweltprogramme zu überführen, da seitens des Projektes keine Dauerfinanzierung geleistet werden kann. Die Umsetzung wird dank der Betreuung durch die Stiftung Westfälische Kulturlandschaft bürokratisch niederschwellig gehalten. Das steigert die Akzeptanz innerhalb der Landwirtschaft und baut Hemmnisse ab.
Breite Beteiligung zeigt Bedarf
Die Zahlen sprechen für sich: Rund 30 landwirtschaftliche Betriebe und etwa 40 Revierpächter beteiligen sich im Kreis aktiv am Projekt. Bereits im ersten Projektjahr konnten 45 Hektar Maßnahmenflächen umgesetzt werden, weitere befinden sich aktuell in Planung. Von den 42 Hektar entfallen 80 Prozent auf projekteigene Strukturbrücken mit Wildblumen und Kräutern, der Rest auf Beratung bei Agrarumweltmaßnahmen.
Multiplikatoren durch Seminare geschult
Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Schulung von Multiplikatoren. Viele Ansätze lassen sich leicht in die Breite tragen, wenn das notwendige Wissen vorhanden ist. Ein Baustein hierbei ist die ökologische Hecken- oder Waldrandpflege. In Seminaren wird insbesondere auf die Auswirkungen einer veränderten Landschaftspflege durch Technisierung eingegangen, welche Auswirkungen diese auf die Artenvielfalt hat und was man dagegen tun kann. Feldbegehungen und praktische Anwendungen in Form von Heckenseminaren vermitteln theoretische Grundlagen und Praxistipps. Die Teilnahme ist grundsätzlich für jeden Naturschutzinteressierten möglich.
Auf eine schonende und in jedem Fall abschnittsweise Pflege wird erhöhter Wert gelegt. Die Seminare erreichten bislang rund 150 Teilnehmer, ein beachtlicher Erfolg für das erste Projektjahr. Da der Fokus auf Pflegeoptimierungen liegt, werden Neuanlagen gerne mitbegleitet, jedoch nicht finanziell gefördert.
Suche nach Sponsoren für Verstetigung
Johannes Laurenz ist mit dem bisherigen Verlauf mehr als zufrieden: „Wir sind total überrascht, dass das so erfolgreich ist, und damit sehr zufrieden. Wir wollen natürlich jetzt weitermachen.“ Mit der nun entstehenden Öffentlichkeitsarbeit und dem breiteren Bekanntwerden des Projektes außerhalb von Jägerschaft und Landwirtschaft hofft die Kreisjägerschaft auf weitere Unterstützung. Besonders interessant wären Unternehmen, die eine Neigung haben, das Projekt zu unterstützen und damit auch öffentlichkeitswirksam Werbung zu treiben. Der Hintergrund ist für Laurenz pragmatisch: Um den administrativen Aufwand bei der Sponsorengewinnung gering zu halten, wären größere Einzelspenden effizienter als viele kleine Beiträge. Wobei er betont: „Wir sind auch für kleine Spenden natürlich empfänglich und freuen uns darüber.“
Modell mit Zukunft
Das Projekt „UNsere NAtur im Kreis Unna“ zeigt eindrucksvoll, dass erfolgreicher Artenschutz dort entsteht, wo Landwirtschaft, Jägerschaft und Naturschutz gemeinsam handeln. Die Verbindung von ökologischem Nutzen und wirtschaftlicher Perspektive für Landwirte schafft eine Win-Win-Situation, die Akzeptanz und Engagement fördert.
In den kommenden Projektjahren sollen weitere landwirtschaftliche Betriebe für das Projekt gewonnen werden. Gleichzeitig wird das Netzwerk ehrenamtlicher Multiplikatoren weiter ausgebaut. Langfristiges Ziel ist es, eine dauerhafte Struktur für Biodiversitätsmaßnahmen in der Kulturlandschaft des Kreises Unna zu etablieren.
Das Erfolgsmodell aus dem Kreis Unna könnte Vorbild für andere Regionen sein. Wo Pragmatismus auf Naturschutz trifft und wirtschaftliche Realitäten von Landwirten ernst genommen werden, entstehen Projekte, die tatsächlich etwas bewegen, statt nur gut gemeint zu sein.
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