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Heute im Blog: Warten auf den großen Wurf

  • Autorenbild: Jürgen Wermser
    Jürgen Wermser
  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Gedanken, Anmerkungen und Beobachtungen mit dem Blick aufs Land und auf die Bundespolitik


Wochenkolumne von Jürgen Wermser

Beitrag anhören (MP3-Audio)

Liebe Leserinnen und Leser,


in unserem Wochenkommentar gehen wir auf die sozialpolitische Diskussion in Berlin und die möglichen Folgen für die bevorstehenden Landtagswahlen ein. Deren Ausgang wird auch Auswirkungen auf politische Entscheidungen in den Bereichen Jagd, Naturschutz und Forstwirtschaft haben, mit denen wir uns näher befassen. Des weiteren folgen ein Blick zurück auf die Fachmesse Jagd und Hund und eine positive Nachricht aus Baden-Württemberg zum Thema wanderndes Rotwild.


Kälte, viel Schnee und teils spiegelglatte Straßen – der Winter hat Deutschland fest im Griff. Wer kann, bleibt zu Hause und richtet sich am Ofen oder im Homeoffice gut gewärmt ein. Niemand weiß momentan so genau, wann es mit diesen frostigen Zeiten vorbei ist. War es dieses Wetter, das einige Wirtschaftsvertreter aus dem Unionslager zu ihren Ideen einer sozialpolitischen Kälte inspiriert habt? Der politische Schaden, den sie mit ihren radikalen Forderungen angerichtet haben, ist beträchtlich. Wer Vertrauen verspielen und Wähler ohne Not vor wichtigen Urnengängen verschrecken möchte, kann von diesen Lobbyisten einiges lernen. Die CDU-Wahlkämpfer in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sind jedenfalls nicht amüsiert. Sie befürchten, dass ihnen diese Vorschläge trotz aller Distanzierungen mehr oder minder offen zugerechnet werden. Auch die Spitze der Union, voran der Kanzler und die zuständige Ministerin, gehen auf Abstand. Sie wollen weiterhin die politische Mitte erreichen und nicht in den Ruf einer unsolidarischen Partei von Besserverdienenden geraten.


Klar ist aber auch: So wie bisher kann und darf es nicht weitergehen. Das Sozialsystem ist überlastet, die Arbeitnehmer und Betriebe können die entsprechenden Beiträge immer schwerer erbringen. Hinzu kommt eine überalterte Beschäftigungsstruktur, was sich in naher Zukunft auch in den Rentenkassen bemerkbar machen wird. Bundeskanzler März hat deshalb vernünftigerweise grundlegende Reformen noch in diesem Jahr angekündigt. Man kann nur hoffen, dass es dabei auch bleibt und tatsächlich ein großer Wurf gelingt – bestehend aus Bürokratieabbau, Konzentration auf wirklich wesentliche Leistungen und Bekämpfung von Missbrauchsmöglichkeiten.


Auch Jagd und Forstwirtschaft betroffen


Was hat all dies mit dem ländlichen Raum zu tun, der uns in unserem Blog besonders interessiert? Sehr viel, da zum einem auch jenseits der großen Metropolen das Geld bei vielen Beschäftigten immer knapper wird. Hinzu kommen schwer kalkulierbare Auswirkungen auf die bevorstehenden Landtagswahlen und die dortigen Chancen der demokratischen Parteien. Auch die Themen Jagd, Naturschutz und Forstwirtschaft könnten kurz- oder mittelfristig davon betroffen sein. Denn wenn Parteien, die in diesen Bereichen bislang für Naturnutzer gut ansprechbar und kompromissbereit waren, an Bedeutung verlieren, geht der Trend in die falsche Richtung. Das gilt es zu verhindern. Ziel sollte eine Politik mit Augenmaß und Tatkraft sein, und zwar in allen Bereichen.


Radikale Parolen mögen sich gut anhören und anfühlen, aber die Risiken und Nebenwirkungen sind beträchtlich. Es heißt daher, kühlen Kopf zu bewahren und sich nicht zu unüberlegten Aktionen hinreißen zu lassen – ein Grundsatz, der nicht nur für die Politik, sondern auch für nahezu alle anderen Lebensbereiche Richtschnur des eigenen Handels sein sollte. Denn die Herausforderungen sind überall groß, nicht zuletzt in der Jagd. Zwar hat die europaweit führende Fachmesse Jagd und Hund in Dortmund gerade weiter an ihrer Erfolgsgeschichte geschrieben, doch die gute Stimmung ist in den vergangenen Wochen leider durch mehrere Fehlschüsse und einen tödlichen Unfall getrübt worden. Darauf hat jetzt die Präsidentin des Landesjagdverbandes Nordrhein-Westfalen, Nicole Heitzig, nachdrücklich hingewiesen. So müsse man immer wieder von Verwechslungen lesen, bei denen einzelne Weidetiere oder falsch angesprochene Stücke Wild versehentlich erlegt werden. Da bleiben laut Heitzig Fragen: „Nämlich die nach dem möglicherweise bei dem ein oder anderen Jäger bestehenden sozialen und psychischen Druck, bei der Jagd auch unbedingt etwas erlegen zu müssen und sich ja keine vermeintlich gute Chance entgehen zu lassen. Ein fataler Druck, der zu menschlichen Fehlleistungen führt.“ Die Landesjagdpräsidentin appellierte deshalb an jede Jägerin und jeden Jäger, „niemals die grundlegenden Sicherheitsregeln außer Acht zu lassen und beim geringsten Zweifel auf den Schuss zu verzichten“. Dem kann man sich nur anschließen.


Rundum positiv für Jäger, aber nicht nur für sie, ist nur eine politische Entscheidung aus Baden-Württemberg. Dort dürfen sich Rothirsche endlich wieder ungehindert zwischen verschiedenen Gebieten bewegen. Das seit 1958 bestehende pauschale Abschussgebot für wandernde Hirsche außerhalb der ausgewiesenen Rotwildgebiete wurde aufgehoben. Damit wird der dringend benötigte genetische Austausch zwischen den Populationen wieder gestärkt. In Baden-Württemberg dürfen Rothirsche nur vier Prozent der Landesfläche besiedeln. Auf den übrigen 96 Prozent der Fläche dieses Bundeslandes waren Jäger gesetzlich verpflichtet, bis auf wenige Ausnahmen jeden Rothirsch zu erlegen. Wenn die Rothirsch-Vorkommen zu Inseln in der Landschaft werden, verliert die Art mehr und mehr genetische Vielfalt. Populationsgenetiker sprechen bereits vom Beginn eines Aussterbeprozesses. Unser Autor Christoph Boll wird sich in unserem Blog noch einmal ausführlich mit diesem Thema befassen. Sie dürfen gespannt sein.


Vor politischen Richtungsentscheidungen


Angesichts der gesetzlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Zusammenhang mit den Themen des ländlichen Raumes kommt es in dieser Zeit gerade vor Wahlen aus Sicht der Jagd darauf an, starke Stimmen und Argumente wirken zu lassen. Darauf werden wir ebenfalls in unserem Blog natur+mensch in mehreren Beiträgen eingehen. In diesem Jahr geben die anstehenden Wahlen von fünf Landesparlamenten mit den folgenden Regierungsbildungen entsprechende Anlässe. Am 22. März hoffen viele Jägerinnen und Jäger in Rheinland-Pfalz, dass nach der dortigen Wahl das aus ihrer Sicht in vielen Punkten verfehlte Jagdgesetz von einer anderen Mehrheit und in einem neuen Kabinett wieder korrigiert wird. Eine Woche später steht die Landtagswahl in Baden-Württemberg an. Für den dortigen Landesjagdverband werden damit auch in der Politik die Karten neu gemischt. Um den Positionen der Jägerschaft Gewicht zu verleihen, hat das Präsidium Kernbotschaften zur Landtagswahl formuliert. Sie sollen Orientierung bieten, das Bewusstsein für eine sachgerechte Praxis im Umgang mit Natur, Wald und Wild stärken sowie als Grundlage für Gespräche mit Kandidaten in den Wahlkreisen dienen. Darüber berichten wir in der nächsten Woche in einem weiteren Beitrag.



All dies geschieht vor dem Hintergrund, dass auch nach unserer Auffassung die politischen Kräfteverhältnisse in den Landesparlamenten für Praxis und Zukunft der Jagd entscheidend sind. Was 2015 mit einer Großdemonstration auf der Rheinbrücke am Düsseldorfer Landtag begann, haben bis in die jüngste Zeit die Jagdverbände in mehreren Landeshauptstädten mit beeindruckenden Demonstrationen fortgesetzt. Ein vorgelagertes Kampagneninstrument dazu sind zunächst Wahlprüfsteine oder Kernbotschaften, mit denen nicht nur die Jäger die Kandidaten vor den Wahlen zu Antworten und entsprechendem Handeln aufrufen. Damit stehen wir nicht allein. Viele Interessengruppen nutzen dieses Instrument. So auch in Stuttgart etwa Nabu und BUND. Auch sie stellen Fragen zu ihren Themen mit Stichworten wie Renaturierung, forstlichem Umbau mit weniger Nutzung und mehr Urwaldbildung bis hin zum Tempolimit. Wir gehen natürlich mehr auf die Kernpunkte aus Sicht der Jagd ein.


Lebensqualität im ländlichen Raum


Ungeachtet aller Probleme und Herausforderungen für Jäger und andere Naturnutzer: Der ländliche Raum bietet viel Lebensqualität. Gewiss gibt es vielerorts auch Defizite. Stichworte hier sind etwa schlechte Versorgung mit Internet oder allzu dürftige Verkehrsinfrastruktur. Doch wer darüber zu laut klagt, möge auch einmal einen Blick in einen langen Artikel der Süddeutschen Zeitung mit der Überschrift „Wenn die Stadt krank macht“ werfen. Dort heißt es etwa, dass Menschen in den Städten westlicher Industriestaaten mindestens doppelt so häufig an Schizophrenie erkranken wie Landbewohner. Noch größer, bis hin zum Faktor drei, sei der Unterschied bei Menschen, die bereits in der Stadt geboren und dort aufgewachsen sind. Das Depressionsrisiko liege in Städten um 50 Prozent höher, das für Angststörungen um 20 Prozent. Nach einer Studie des Robert-Koch-Institutes leiden in deutschen Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern 32 Prozent der Menschen in einem Zeitraum von zwölf Monaten unter einer psychischen Störung. In Gemeinden mit weniger als 20.000 Einwohnern sind es 27 Prozent.


Diese wissenschaftlichen Zahlen zeigen wieder einmal, wie lohnenswert es ist, sich intensiv um den Schutz und die Belange des ländlichen Raums zu bemühen. Im Politbetrieb der Hauptstadt Berlin droht dies leider gelegentlich aus dem Blick zu geraten. Die Autoren unseres Politblogs sehen es als ihre Aufgabe an, dem entgegenzuwirken.


Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und einen gelungenen Start in eine für Sie positive Woche.


Mit besten Grüßen

Ihr Jürgen Wermser

Koordination/Redaktionsleitung

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