Der Hirsch als Bio-Ingenieur
Rolle wild lebender Tiere für Artenvielfalt unterschätzt
Die Stiftung natur+mensch startet ein umfassendes Projekt zur Klärung der ökologischen und wirtschaftlichen Bedeutung großer Wildtiere wie Hirsch, Wildschwein und Reh. Eine jetzt vorgelegte Pilotstudie zeigt: Die Rolle des Wildes für die Erhaltung der biologischen Vielfalt ist unterschätzt. Die Stiftung will mit ihrem Projekt „Vision 2015: Wild, Wald und biologische Vielfalt“ die Grundlage für eine Neubewertung von Wildtierdichten schaffen.
Wenn es um den Artenreichtum in deutschen Wäldern geht, stehen nach wie vor die großen Wildtiere am Pranger. Zu Unrecht, meint der Kieler Wissenschaftler PD Dr. Heinrich Reck, der die von der Stiftung natur+mensch in Auftrag gegebene Literaturstudie zum Thema „Wild und Biologische Vielfalt“ angefertigt hat. Es werde übersehen, welch wichtige Funktionen frei lebende und frei wandernde Hirsche, Rehe und anderes so genanntes Schalenwild für die Erhaltung der Artenvielfalt übernehmen. Sie transportieren Pflanzensamen und schaffen – als wild lebende Bio Ingenieure – Lebensbedingungen für seltene Arten.
Die Studie mündet in vier Hypothesen, die – sofern sie sich bestätigen – den Aufbruch in einen neuen gesellschaftlichen Dialog einläuten sollen:
1. Die Bedeutung von Wild für die biologische Vielfalt wird unterschätzt.
2. Höhere Wilddichten sind erforderlich, und dennoch könnte der Einfluss auf die Holzproduktion so gering gehalten werden, dass wirtschaftliche Schäden eine untergeordnete Rolle spielen.
3. Die bisherigen Untersuchungen und besonders die daraus abgeleiteten Empfehlungen zur Problematik „Wald, Wild und Biologische Vielfalt“ sind in hohem Maß widersprüchlich, sie basieren oft auf einseitigen Fragestellungen oder Interessen und sind ein Resultat ungenügender Daten.
4. Eine objektive, auf fundierten landschaftsökologischen Daten beruhende Gesamtanalyse ist notwendig, um einen Perspektivwechsel zu ermöglichen.
Jochen Borchert, Vorsitzender der Stiftung natur+mensch, kündigte die nächsten Schritte des Projektes an: Die Stiftung werde zu einer Fachkonferenz zum Thema „Wild und Biologische Vielfalt“ mit international beachteten Wissenschaftlern und Praktikern einladen. Außerdem werde der Einfluss von Wild auf Biotopstrukturen, auf Vegetation und Wald, auf die Pflanzenvielfalt und ausgewählte Tiergruppen bis 2011 in einem speziellen Forschungsprojekt untersucht.
Am Ende des Projektes sollen Handlungsempfehlungen für die Landnutzer stehen. „Wir wollen mit wissenschaftlich fundierten Aussagen klare Leitlinien für einen neuen Konsens zwischen verschiedenen Naturnutzergruppen wie Forst-, Landwirtschaft und Jagd sowie dem praktischen Artenschutz liefern“, sagt Borchert.

Das Rotwild - schafft es Lebensräume für seltene Arten?
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