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12.05.10, 14:50h

Wald-Wild-Gutachten: Wenn Holzproduktion zur Prämisse für ökologische Betrachtung wird

Stiftung natur+mensch: Von BfN, DFWR und ANW in Auftrag gegebenes Gutachten ist einseitig und verhindert gemeinsames Handeln für die Erhaltung der Biodiversität mehr als es ihr nützt.

Bonn 12. Mai 2010 – Auf dem Weg zur Erhaltung der biologischen Vielfalt in den Wäldern hat das jüngste Gutachten unter dem Titel „Der Wald-Wild-Konflikt“ der Universitäten Göttingen und München kaum Fortschritte gebracht. Zu diesem Ergebnis kommt die Stiftung natur+mensch. Die Organisation sieht einen neuen, ernsthaften Dialog zwischen Naturschützern und Naturnutzern als wichtigste Grundlage für realitätsnahe und zukunftsweisende Schritte zur Sicherung der Biodiversität an. „Die Präsentation des Gutachtens hat die Gräben zwischen den Partnern in Wald- und Forstwirtschaft, Jägerschaft, Naturschutz und Tourismus, die im Interesse des gemeinsamen Zieles an einem Strang ziehen sollten, weiter aufgerissen denn je“, so Jochen Borchert, Vorsitzender der Stiftung.

Wie sind große Wildtiere in deutschen Wäldern zu bewerten? Wieviel Wild braucht unser Land, wieviel Wild verträgt es? Dies sind die Fragen, die seit Jahrzehnten regelmäßig zu heftig und emotional geführten Diskussionen zwischen den Interessengruppen führen. Eine Versachlichung der Debatte ist dringend geboten. Wer bei der Präsentation der Studie jedoch erwartet hatte, dass wissenschaftliche Daten nun die Basis für einen neuen gesellschaftlichen Konsens und gemeinsame konstruktive Schritte legen würden, wurde enttäuscht. Die Studie konzentriert sich auf die hinlänglich bekannte Verbissproblematik und lässt andere wichtige ökonomische und ökologische Einflussgrößen außen vor.

Die Auftraggeber, die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW), das Bundesamt für Naturschutz (BfN) und der Deutsche Forstwirtschaftsrat (DFWR) fordern nun lautstark und pauschal die Reduzierung vor allem der Rehwildbestände und die politische Durchsetzung der Formel „Wald vor Wild“. Die Jäger, die sie umsetzen sollen, wurden an der Diskussion gar nicht erst beteiligt.

Laut Stiftung natur+mensch kommt die Debatte deshalb nicht voran, weil ihr keine Gesamtbilanz über den ökonomischen und ökologischen Wert der Wildtiere zugrunde liegt. „Wer Veränderungen im Ökosystem wie die drastische Reduzierung von Wildbeständen intendiert, muss zuvor die Gesamtheit der Folgen in den Blick nehmen,“ erläutert Borchert. Neben der Verbisssituation müssen dann auf der Habenseite auch etwa der Wert durch Wilderlebnis, nachhaltige jagdliche Nutzung und die positiven direkten Wirkungen auf die Artenvielfalt berücksichtigt werden. „Die Reduzierung auf den Aspekt Wildschäden ist einseitig und daher einer konstruktiven Auflösung der Konflikte in Win-Win-Situationen hinderlich“, lautet daher die Bewertung Borcherts.

Auf den Aspekt positiver Wirkungen von Schalenwild auf die biologische Vielfalt hatte die Stiftung natur+mensch mit der Vorlage der Pilotstudie „Wild und Biologische Vielfalt“ des Kieler Tier- und Landschaftsökologen PD Dr. Heinrich Reck schon im Mai 2009 aufmerksam gemacht. Das nun vorgelegte Gutachten geht lediglich in einer Randbemerkung darauf ein. Sie gesteht zwar zu, dass eine Erhöhung der Schalenwilddichte lokal eine Erhöhung der Biodiversität verursachen kann: „tatsächlich sind durch besonders hohe Rotwilddichten offen gehaltene Truppenübungsplätze reich an seltenen Tier- und Pflanzenarten“. Jedoch spricht sie dieser Art von Biodiversität die Relevanz ab: Bei der Waldbewirtschaftung sei „eine maximale Artendiversität nicht das Ziel.“ Es folgt die Behauptung eines Vorrangs der Diversität der Baumarten vor der „großen Diversität naturferner Lebensräume“. „Eine absurde Unterscheidung“, meint Borchert. Die Initiatoren und Autoren der Studie müssten sich schon die Frage gefallen lassen, „mit welchem Recht sie die Vielfalt der Bäume anders gewichten als die Vielfalt anderer Arten. Der Verdacht liegt nahe, dass die ökonomischen Interessen der Holzproduktion hier die ökologische Wahrnehmung verzerren“.